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Durch tausend Träume sollst du gehen, dann wirst du vor der Wahrheit stehen    


2010 72010 9   August 2010  
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Eintrag von lady am 29.8.2010

Dachau, im Winter.


Manchmal tut es so weh, dass ich meine, daran ersticken zu müssen. Es tut so weh, dass ich mich für einen Moment vollkommen verliere. Zerfressen von diesen Gefühlen.

Ich hatte einst diese Albträume, diese Bilder in meinem Kopf, die mich nicht losließen. Wahrscheinlich weil ein Teil von mir weiß, dass sie nicht Produkt bloßer Fantasie sind. Diesen Winter, diese Kälte und die Menschen ... Szenen, die man nicht vergisst. Will ich nicht? Ich kann nicht.
Dachau. Im Winter. Das Konzentrationslager. Der zweite Weltkrieg.

In der Schule habe ich nie darüber gelernt. Man kaut den zweiten Weltkrieg bis zum Erbrechen durch, aber die KZs wurden bei uns nie so sehr besprochen, wie sie es verdient hätten. Nach dem Besuch eines Konzentrationslager schienen die Lehrer es damals auch für uns abgehakt zu sehen und man widmete sich wieder anderen Schwerpunkten des Weltkriegs zu. Wir hatten nie über Dachau gesprochen. Den Winter hatte ich - seltsamerweise - nie, wirklich nie mit dem zweiten Weltkrieg in Verbindung gebracht. Fast als wäre es utopisch nur Sommer gewesen. Ich hatte nie den Winter gesehen.

Dann kamen die Träume. Der Winter, die Kälte, all der Schnee. Dachau. Die Menschen. Ein Traum, weit weg von der Glorifizierung des Selbst. Ich weiß, welche Rolle ich spielte. Damals war ich nicht Opfer, nicht Retter. Und die nächtlichen Bilder sind so grausam ehrlich, dass sie selbst das nicht so verdrehen, zum Positiven wenden, dass der Schmerz nachlässt. Nein. Sie zeigen die Realität, die Vergangenheit. Ich kann nicht leugnen. Ich werde nicht leugnen. So viele Träume hatte ich, so viele, die mich fesselten und mit ihren Bildern bannten. Doch wann immer ich von diesen Menschen im Winter träumte, lag ich danach im Bett und fühlte mich innerlich tot.

Irgendwann kam Tom. Und er kannte mich nicht, kein bisschen von mir, doch ein Blick von ihm genügte und er kannte meine Seele, wie kein einziger Mensch auf dieser Erde. Er hielt sie in Worten fest, die von mir stammen könnten und die niemand, niemand anderer je hätte erahnen können. Denn er sprach von Dingen, die ich nie einem anderen Menschen anvertraut hatte. Fest verschlossen in mir. In meinen Gedanken. Doch er kam und sprach sie aus, als hätte ich mich in einer endlosen Nacht bei ihm ausgeweint und meine Seele entblößt. Er las mich wie ein Buch, ohne meine Bewegungen, meine Mimik, meine Gestik, meine Geschichte zu kennen. Nur ein Porträt von mir - doch er schien aus meinen Augen zu lese. Zeile für Zeile.

Eines Tages ließen wir nicht locker und wir fragten ihn nach damals. Kleine Kinder, denen das Jetzt nicht genügt und die Fragen des Damals beantwortet haben wollten. Verantwortungsbewusst warnte er uns, aber wir waren naiv. Wir verlangten, dass er uns davon berichtet. Wie hätten wir auch ahnen können, dass er einen schmerzlichen Teil unserer Seele offenbart?
Und er sprach zu mir von Dachau. Sagte mir Dinge, die man immer befürchtet, aber im Stillen geahnt hatte. Wir sind keine Heiligen, erst recht nicht ich. Dennoch brach an diesem Tag ein Teil von mir selbst in sich zusammen. Es war nicht seine Schuld - er hatte die stille, lähmende Angst in mir nur beim Namen genannt. Den Bildern, die mich im Traum verfolgten, einen Sinn gegeben. Und auch den ihren. Er verlieh ihren Kindheitszeichnungen, all ihren unergründlichen Tagebucheinträgen mit einem Mal eine Geschichte, die von nun an zwischen den Zeilen hängen würde. Wie Kinder lagen wir uns in den Armen. Weinend.
Ich weiß noch, wie sie zu mir sagte, dass ich ihr damals ungemein geholfen haben müsste, weil ich sonst nun nicht so verdammt wichtig in ihrem Leben wäre. Und ich hatte nur dieses müde Lächeln und keine Worte dafür. Sie rückte mich in ein Licht, in das ich nicht gehörte.

Ich war einer davon. Damals. In Dachau. In diesem unbarmherzigen Winter.
Ich war jener, der sich das Leben nahm. Der sich erschoss. Mein Herz zeigt mir immer wieder den Wald und mein eigenes Schluchzen, als einziges Geräusch. Als Kinder fragte damals einer makaber auf einer Abschlussreise, wie wir am liebsten sterben würden. Ich war sechzehn, saß auf der Stufe dieses stickigen Buses und starrte in die Nacht hinaus. In meinem Kopf breitete sich das Bild aus, das ich nicht zuordnen konnte. Der weinende, einsame Soldat im Wald. "Erschießen", sagte ich damals - und hatte dabei das Bild meines eigenen, einstigen Todes vor Augen. Als Kind wusste ich das nicht. Es waren einfach Bilder in meinem Kopf. Auch wenn ich spürte, wie echt es sich anfühlte.

In meinen Händen: alte Briefe. Und dieses bittere Gefühl, wenn ich meine eigenen Zeilen lese:
"Ich glaub, dass man Dinge aus früheren Leben in diesem Leben abbüßen muss. Es würde jedenfalls bei mir passen." Mit siebzehn geschrieben. Keine Depressionen, wie sie ein Kind, ein Teenager hat. Stattdessen stand ich vor einer Lebenskrise, vor den Ruinen meines Selbst. Und so gut ich all diese Dinge auch vergrabe - sie kommen immer wieder hoch.


Ich habe heute das erste Mal "Shutter Island" gesehen und bereue es zutiefst.
Sie zeigten Dachau. Im Winter. Sie zeigten die Leichen und die verantwortlichen Soldaten.
Man kann mir sagen, was man will, dass es alles Einbildung ist. Aber ich fühle nun einmal, was ich fühle. Und ich kann mich der Tränen nicht verwehren und den Gedanken und Gefühlen, die bei diesen Bildern auftauchen.

Ich musste den Raum verlassen und konnte mir diese Szenen nicht länger ansehen.
Ich werde diesen Film nie wieder sehen. Mir genügen meine Träume.


Kommentare


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Wochenende und Sonnenschein
Guten Morgen, es ist schon wieder Wochenende...

Einfach mal von der Seele schreiben wieder
Erstmal danke fuer die nette begruessung und ...



lady
Alter: 20
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Profil:

Reale Alice im Wunderland, die immer wieder in ein tiefes Loch fällt, wenn sie meint, am Ziel angekommen zu sein. Herr Hase habe ich schon lange verloren, doch das Ticken im Hinterkopf nimmt kein Ende.

Hobbies:
schreiben, denken, suchen

Beruf:
Traumwandlerin







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